Humboldt als Bauherr

Tegel – Die Kunsthistorikerin PD Dr. Annette Dorgerloh spricht am 18. Mai um 19.30 Uhr in der Humboldt-Bibliothek im Rahmen der Veranstaltungsreihe anlässlich des 250. Geburtstages von Wilhelm von Humboldt über Schinkels klassizistischen Umbau von Schloss Tegel. Die RAZ unterhielt sich vorab mit der Privatdozentin am Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin.

Mit 51 Jahren entschied sich Wilhelm von Humboldt für das Schloss Tegel als künftigen Lebensmittelpunkt und beauftragte den Umbau in klassizistischer Manier. Wieso entsprach der Klassizismus eher seinen Vorstellungen als der Stil der Renaissance?
Die Entscheidung für den klassizistischen Stil, die Wilhelm von Humboldt mit Karl Friedrich Schinkel zusammen getroffen hat, war nicht alternativlos für diese Zeit, in der der Stil der Neogotik sehr beliebt war. Humboldt hat sich für den Klassizismus entschieden, da er von Kindheit an humanistisch geprägt und die klassische Antike sein Vorbild war. Das „Schloss Langweil“ wie Humboldt den Landsitz auch nannte, gehörte erstmals ihm allein und er konnte es in einer Lebensphase umgestalten, in der es um alternative Möglichkeiten der Existenzweise ging. Tegel sollte als Rückzugsort dienen und Platz für seine Kunstsammlung sowie Studien bieten. Zugleich dachte Humboldt immer daran, den Ort auch für die Öffentlichkeit zu öffnen, was wiederum an den Akademiegedanken der Antike und der Renaissance erinnert. Das Schloss und der Schlosspark sind Ausdruck der Persönlichkeit des Bauherrn geworden.

Wilhelm von Humboldt betraute 1820 Karl Friedrich Schinkel mit dem Umbau des Humboldt-Schlosses, einige Jahre später mit der Errichtung der Familiengrabstätte im Schlosspark. Warum entschied er sich für die Zusammenarbeit mit dem preußischen Architekten?
Wilhelm von Humboldt und Karl Friedrich Schinkel kannten sich von Schinkels erster Italienreise und waren gut befreundet. In Rom hatten die Humboldt-Brüder ein offenes Haus für Künstler, die sie auch unterstützen. Der Bildhauer Christian Daniel Rauch, der anfangs bei den Plänen für den Tegel Umbau eine wichtige Rolle gespielt hatte, verwies ebenfalls auf Schinkel als Architekt des Umbaus. Der preußische Baumeister hatte zu dieser Zeit eine ganze Reihe von wichtigen Bauten in Berlin realisiert, wie etwa die Neue Wache und das Schauspielhaus – innovative Baulösungen, die Schinkel für den Tegel-Umbau konstruktiv genutzt hat. Die Gestaltung des Foyerraums des Schlosses, in dem Skulpturen aus Italien Platz fanden, hat Schinkel kongenial umgesetzt. Der Museumscharakter war sowohl Humboldt als auch Schinkel sehr wichtig.

Schon bei Theodor Fontane hinterließ das Schloss einen bleibenden Eindruck, den er in seinem Werk „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ festhielt. Welche Faszination geht von Schloss Tegel und dem Schlosspark heute aus?
Das Schloss Tegel ist ein Ort einer lebendig gehaltenen Familientradition. Starke Persönlichkeiten haben immer wieder dafür gesorgt, dass das Schloss im Geist seines Bauherrn in seiner Funktion erhalten bleibt und für die interessierte Öffentlichkeit zugänglich ist. Im Privatbesitz wurde das Schloss immer gepflegt, in dem Bewusstsein, dass es über das private hinaus auch eine öffentliche Dimension hat, die von Humboldt intendiert war. Eine Faszination geht auch von der malerischen Wirkung des Schlosses aus: Ein weißes Haus mit blauem Zinkdach hebt sich aus der grünen Umgebung heraus. Gerade die Kontrastwirkung der Bäume und der klare, fast kristallin wirkende Baukörper unterstreichen die malerische Wirkung, auf die Schinkel, der seine Entwürfe immer landschaftlich umgeben hat, großen Wert legte. Praktische Aspekte wurden bei den Besprechungen Humboldts mit Schinkel nicht in den Vordergrund gestellt – wie Frau Caroline in Briefen beklagte – sondern die Wirkung des Baukörpers als Monument von innen und außen. Für Schinkel war es ein besonders wichtiges Werk, das zu dieser Zeit absolut up to date war und Ziel von zahlreichen Pilgern wurde.

Vielen Dank für das Gespräch.
Interview Anna Knüpfing

Letzte Änderung am Mittwoch, 10 Mai 2017 07:56

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Bezirk/Tegel – Ab sofort können in den Reinickendorfer Bibliotheken in Tegel, in Frohnau, im Märkischen Viertel, in Reinickendorf-West und am Schäfersee E-Book-Reader, Modell: tolino vision 3HD, kostenlos entliehen werden. Benötigt wird ein gültiger Bibliotheksausweis, die Leihfrist beträgt 28 Tage, Ausleihe und Rückgabe müssen in der gleichen Bibliothek erfolgen. Hilfestellung bei der Nutzung bietet eine regelmäßig in der Humboldt- Bibliothek, Karolinenstraße 19, stattfindende Sprechstunde, immer am ersten und dritten Donnerstag im Monat von 11.30 bis 13.30 Uhr.

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